Komplexes Gateway

BPMN

Auch: Complex Gateway

Gateway, das beliebige komplexe Regeln anwendet und zum Einsatz kommt, wenn die klassischen Gateways (XOR, AND, OR) einen Sachverhalt nicht oder nur sehr unübersichtlich abbilden können. In der Praxis wird das komplexe Gateway selten eingesetzt, da die technische Ausführung schwer zu realisieren ist.

Das komplexe Gateway eignet sich primär für die fachliche Modellierung, nicht für die automatisierte Prozessausführung. Die Logik hinter einem komplexen Gateway wird in der Regel außerhalb des Diagramms als Regel dokumentiert.

Beispiel: Beim Prozessschritt „Bewerber auswählen” wird eine nicht im Modell näher spezifizierte Regel angewendet, bei der die Inhalte mehrerer Gutachten zum Bewerber eine Rolle spielen.

Was kann das komplexe Gateway, was andere nicht können?

Das komplexe Gateway modelliert Synchronisationsregeln, die sich mit den Standardgateways nicht ausdrücken lassen. Die Spezifikation nennt als Beispiel eine Zusammenführung, die weiterläuft, sobald drei von fünf eingehenden Pfaden angekommen sind; das Verhalten wird in einer Aktivierungsbedingung beschrieben (OMG 2014, S. 294).

Auch als Verzweigung ist es vielseitig: Es kann festlegen, dass entweder Pfad A oder gemeinsam die Pfade B und C aktiviert werden. Weske weist darauf hin, dass dieses Verhalten am Symbol nicht ablesbar ist und das Konstrukt deshalb mit Vorsicht eingesetzt werden sollte (Weske 2024, S. 233 f.).

Warum sollte man es sparsam einsetzen?

Ein Prozessmodell soll auf einen Blick verständlich sein. Beim komplexen Gateway steckt die entscheidende Information in einer Regel außerhalb des Diagramms, sodass Leser ohne Zusatzdokument nicht wissen, wann der Prozess weiterläuft. Für die Ausführung in einer Engine ist die Aktivierungsbedingung zudem technisch anspruchsvoll.

Vor dem Einsatz lohnt ein Übersetzungsversuch: Viele scheinbar komplexe Regeln lassen sich als paralleles Gateway mit anschließendem exklusiven Gateway oder als inklusives Gateway ausdrücken. Erst wenn das nicht gelingt, ist das komplexe Gateway gerechtfertigt.

Wie sieht ein legitimer Anwendungsfall aus?

Ein Beispiel aus dem Qualitätsmanagement: Eine Freigabe erfordert, dass mindestens zwei von drei Fachprüfungen positiv ausfallen, unabhängig davon, welche. Die drei Prüfungen laufen parallel, und das komplexe Gateway führt zusammen, sobald zwei positive Ergebnisse vorliegen. Die Regel „zwei von drei“ steht als Anmerkung am Gateway. Gadatsch beschreibt ein vergleichbares Beispiel, bei dem mehrere Gutachten zu einem Bewerber nach einer nicht im Modell spezifizierten Regel zusammengeführt werden (Gadatsch 2025, S. 163).

Häufige Fragen zu Komplexes Gateway

Wann ist ein komplexes Gateway die richtige Wahl?
Nur wenn sich eine Regel mit keiner Kombination aus XOR-, AND- und OR-Gateways ausdrücken lässt, etwa „drei von fünf Gutachten müssen vorliegen“. In allen anderen Fällen sind die Standardgateways lesbarer.
Wie dokumentiert man die Regel eines komplexen Gateways?
Als Textanmerkung direkt am Gateway oder als Verweis auf eine Regel in der Prozessdokumentation. Im Diagramm allein ist die Logik nicht erkennbar.

Quellen

  • Gadatsch, A. (2025): Grundkurs Geschäftsprozess-Management, 11. Aufl., Springer Vieweg, S. 163
  • Allweyer, T. (2015): BPMN 2.0, 3. Aufl., Norderstedt, S. 37
  • OMG (2014): Business Process Model and Notation (BPMN), Version 2.0.2, Object Management Group, S. 294
  • Weske, M. (2024): Business Process Management. Concepts, Languages, Architectures, 4. Aufl., Springer, S. 233 f.

Autor: Jordanis Kleinöder Stafidis, Gründer und Geschäftsführer der Procevia GmbH · Aktualisiert am

Siehe auch: Gateway , Exklusives Gateway (XOR) , Paralleles Gateway (AND) , Inklusives Gateway (OR)

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