Direktvergabe bis 100.000 Euro an Startups.Was Behörden seit dem 1.Juli 2026 dürfen
Seit dem 1. Juli 2026 dürfen Behörden Aufträge bis 100.000 Euro direkt an junge Startups vergeben. Was genau gilt, wer profitiert und wie es abläuft.
Stand 4. August 2026. Seit dem 1. Juli 2026 dürfen Bundesbehörden Aufträge bis 100.000 Euro direkt an Startups vergeben, ohne Ausschreibung und ohne Teilnahmewettbewerb. Die Sonderwertgrenze gilt für Startups in den ersten vier Jahren nach Gründung. Für Startups bis acht Jahre nach Gründung ist zusätzlich eine Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb mit nur einem Unternehmen möglich, im Liefer- und Dienstleistungsbereich sogar bis zu den EU-Schwellenwerten. Beide Regeln traten zeitgleich mit dem Vergabebeschleunigungsgesetz in Kraft.
Dieser Artikel erklärt die neuen Regeln aus beiden Blickwinkeln. Was Vergabestellen jetzt dürfen und worauf sie achten sollten, und was junge Unternehmen tun können, um erstmals öffentliche Auftraggeber zu gewinnen.
Die zwei neuen Regeln im Überblick
Viele Meldungen werfen die beiden Erleichterungen in einen Topf. Tatsächlich handelt es sich um zwei getrennte Instrumente mit unterschiedlichen Voraussetzungen.
| Direktauftrag (Sonderwertgrenze) | Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb | |
|---|---|---|
| Auftragswert | bis 100.000 Euro | bis zu den EU-Schwellenwerten (Liefer- und Dienstleistungen) |
| Alter des Startups | bis 4 Jahre nach Gründung | bis 8 Jahre nach Gründung |
| Verfahren | Auftrag wird direkt erteilt | Verhandlung mit nur einem Unternehmen möglich |
| In Kraft seit | 1. Juli 2026 | 1. Juli 2026 |
Der Direktauftrag ist das einfachste Instrument. Die Behörde beauftragt das Startup unmittelbar, ohne Wettbewerb und ohne formales Verfahren. Die im Koalitionsvertrag verankerte Sonderwertgrenze von 100.000 Euro macht das für junge Startups jetzt in einem Umfang möglich, der für viele Digitalisierungsprojekte ausreicht.
Die Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb reicht deutlich weiter. Sie erlaubt es der Behörde, gezielt mit einem einzelnen Startup zu verhandeln, wenn es sich in den ersten acht Jahren nach Gründung befindet. Im Bereich der Liefer- und Dienstleistungen gilt das bis zu den EU-Schwellenwerten, also weit über die 100.000 Euro hinaus.
Der größere Rahmen. Die Startup- und Scaleup-Strategie
Am 22. Juli 2026 hat das Bundeskabinett die Startup- und Scaleup-Strategie beschlossen. Sie umfasst 152 Maßnahmen in acht Handlungsfeldern, und die öffentliche Auftragsvergabe bildet darin ein eigenes Handlungsfeld. Das erklärte Ziel lautet, den Staat als Ankerkunden für Innovationen zu etablieren.
Der Handlungsdruck ist real. Laut Deutschem Startup Monitor hatten 2025 nur 7 Prozent der Startups öffentliche Auftraggeber als Kunden. Der Staat kauft jährlich für dreistellige Milliardenbeträge ein, junge innovative Unternehmen kommen an diesen Markt aber kaum heran. Lange Verfahren, hohe formale Hürden und das Risiko, gegen etablierte Anbieter zu verlieren, schrecken viele ab, bevor sie überhaupt ein Angebot abgeben.
Genau hier setzen die neuen Vergabeerleichterungen an. Sie senken die Einstiegshürde auf beiden Seiten. Behörden können unbürokratisch mit Startups arbeiten, und Startups können erstmals Referenzen im öffentlichen Sektor aufbauen.
Für Vergabestellen. Was jetzt praktisch möglich ist
Wer in einer Behörde, einer Kommune oder einem öffentlichen Träger für Beschaffung oder Digitalisierung zuständig ist, bekommt mit den neuen Regeln spürbar mehr Spielraum. Drei Punkte verdienen besondere Aufmerksamkeit.
Erstens die Reichweite. Die neuen Verwaltungsvorschriften gelten für Beschaffungen des Bundes. Länder und Kommunen haben eigene Wertgrenzen im Haushalts- und Vergaberecht. In der Praxis orientieren sich viele Landesregelungen aber an den Vorgaben des Bundes, sodass vergleichbare Erleichterungen vielerorts folgen dürften. Ein Blick in die jeweils geltende Landesverordnung bleibt Pflicht.
Zweitens die Startup-Eigenschaft. Beide Instrumente knüpfen an das Alter des Unternehmens an, vier beziehungsweise acht Jahre nach Gründung. Vergabestellen sollten sich das Gründungsdatum belegen lassen, etwa über den Handelsregisterauszug, und die Prüfung aktenkundig machen.
Drittens die Dokumentation. Vereinfachtes Verfahren heißt nicht dokumentationsfrei. Auch ein Direktauftrag muss einer späteren Prüfung durch Rechnungsprüfungsämter standhalten. Wer den Ablauf, die Begründung und die Preisermittlung nachvollziehbar festhält, ist auf der sicheren Seite.
Für Startups. So wird der Staat zum Kunden
Für junge Unternehmen öffnet sich ein Markt, der bisher als schwer zugänglich galt. Ein paar Dinge erhöhen die Chancen deutlich.
- Sichtbar werden. Behörden dürfen direkt beauftragen, müssen ein Startup dafür aber erst einmal kennen. Einträge in Verzeichnissen wie der KOINNO-Toolbox, klare Referenzseiten und verständliche Leistungsbeschreibungen helfen Beschaffern bei der Marktrecherche.
- Das Gründungsdatum parat haben. Die Vier- und Acht-Jahres-Fristen entscheiden darüber, welches Instrument die Behörde nutzen darf. Wer die Nachweise vorbereitet hat, verkürzt das Verfahren.
- Verwaltungstauglich anbieten. Datenschutz, Hosting-Standort und Nachvollziehbarkeit sind im öffentlichen Sektor keine Nebensache, sondern Vergabekriterium. Europäische Infrastruktur und DSGVO-Konformität gehören prominent in jedes Angebot.
- Klein anfangen. Ein erster Auftrag unter der Wertgrenze ist der einfachste Einstieg. Die Referenz aus diesem Projekt öffnet anschließend größere Verfahren.
Was die neuen Regeln nicht ändern
Zur ehrlichen Einordnung gehören auch die Grenzen. Oberhalb der EU-Schwellenwerte gilt weiterhin das europäische Vergaberecht mit seinen formalen Verfahren. Die Erleichterungen ersetzen außerdem keine wirtschaftliche Prüfung, denn Behörden bleiben an die Grundsätze von Wirtschaftlichkeit und Sparsamkeit gebunden. Und sie verpflichten niemanden. Ob eine Vergabestelle den neuen Spielraum nutzt, entscheidet sie selbst.
Dieser Artikel ist keine Rechtsberatung. Maßgeblich sind die jeweils geltenden Vorschriften und im Zweifel die Einschätzung der eigenen Vergabestelle oder Rechtsabteilung.
Verwaltungsprozesse aufräumen. So nutzen Behörden und Kommunen die neue Freiheit konkret
Die neuen Wertgrenzen beschleunigen das Verfahren. Was sie nicht lösen, ist das eigentliche Grundproblem vieler Verwaltungen. Die Abläufe dahinter, von der Bedarfsmeldung über die Markterkundung bis zur Rechnungsfreigabe, sind oft nirgendwo aktuell dokumentiert. Sie stecken in den Köpfen einzelner Sachbearbeiter, in veralteten Dienstanweisungen oder in Textwüsten, die niemand liest. Genau dort setzt Prozessdokumentation mit KI an.
Mit Procevia läuft das Aufräumen in vier Schritten ab.
- Ist-Aufnahme ohne Workshop-Marathon. Die Sachbearbeitung beschreibt ihren Ablauf in eigenen Worten, per Text oder Spracheingabe. Auch ein abfotografiertes Whiteboard aus der Teambesprechung reicht als Ausgangspunkt. Die KI erstellt daraus in Sekunden ein BPMN-2.0-Diagramm mit Zuständigkeiten.
- Mehrere Sichten zusammenführen. Beim Vergabeprozess sehen Bedarfsstelle, Vergabestelle und Rechnungsprüfung jeweils nur ihren Teil. Über die kollaborative Prozessaufnahme beschreiben alle Beteiligten ihren Abschnitt im Interview-Chat, auch ohne eigenen Zugang, und die KI führt die Perspektiven zu einem Gesamtprozess zusammen.
- Dokumentation, die Prüfungen standhält. Zu jedem Prozess entsteht auf Knopfdruck ein Steckbrief mit Prozessziel, Zuständigkeiten, Kennzahlen, Risiken und Rechtsgrundlagen. Der eingebaute Freigabe-Workflow bildet das Vier-Augen-Prinzip ab, mit nachvollziehbarer Versionshistorie für das Rechnungsprüfungsamt.
- Überblick statt Einzeldokumente. Auf der Prozesslandkarte liegen alle Abläufe der Organisation geordnet nebeneinander. Neue Mitarbeitende in der Vergabestelle finden den Direktvergabe-Prozess mit einem Klick, samt aktueller Wertgrenzen im Dokument.
Der Bogen zur Direktvergabe schließt sich dabei doppelt. Erstens ist ein sauber dokumentierter Vergabeprozess die Voraussetzung dafür, die neuen Spielräume rechtssicher und wiederholbar zu nutzen. Zweitens ist Procevia selbst ein Beispiel für das, was die Strategie erreichen will. Ein junges deutsches Unternehmen, gelistet auf dem Marktplatz der Innovationen des KOINNOvationsplatzes, der Plattform des Kompetenzzentrums innovative Beschaffung (KOINNO). Beschaffer finden Procevia dort als Werkzeug für die KI-gestützte Prozessaufnahme, etwa für Antrags-, Melde- und Genehmigungsprozesse, betrieben auf europäischer Infrastruktur und mit europäischer KI von Mistral. Eine Behörde, die den eigenen Vergabeprozess mit Procevia dokumentieren möchte, kann dafür also genau den Weg nutzen, den dieser Artikel beschreibt.
Häufige Fragen
Was ist die Sonderwertgrenze für Startups? Eine Wertgrenze von 100.000 Euro, bis zu der Behörden Aufträge direkt an Startups vergeben dürfen. Sie gilt für Startups in den ersten vier Jahren nach Gründung und ist seit dem 1. Juli 2026 in Kraft.
Was gilt für Startups, die älter als vier Jahre sind? Für Startups in den ersten acht Jahren nach Gründung ist eine Verhandlungsvergabe ohne Teilnahmewettbewerb mit nur einem Unternehmen möglich, im Liefer- und Dienstleistungsbereich sogar bis zu den EU-Schwellenwerten.
Seit wann gelten die neuen Regeln? Seit dem 1. Juli 2026, zeitgleich mit dem Vergabebeschleunigungsgesetz.
Gilt die neue Wertgrenze auch für Länder und Kommunen? Die neuen Verwaltungsvorschriften betreffen Beschaffungen des Bundes. Länder und Kommunen haben eigene Wertgrenzen, orientieren sich in der Praxis aber häufig am Bund.
Warum fördert die Bundesregierung die Vergabe an Startups? Laut Deutschem Startup Monitor hatten 2025 nur 7 Prozent der Startups öffentliche Auftraggeber als Kunden. Die Startup- und Scaleup-Strategie will den Staat als Ankerkunden für Innovationen etablieren.
Was müssen Vergabestellen bei einer Direktvergabe dokumentieren? Den Ablauf, die Begründung der Startup-Eigenschaft, die Preisermittlung und die Entscheidung. Auch die vereinfachte Vergabe muss einer Prüfung standhalten.
Wie können Kommunen ihre Vergabe- und Verwaltungsprozesse schneller dokumentieren? Mit KI-gestützter Prozessmodellierung. Die Sachbearbeitung beschreibt den Ablauf in eigenen Worten, die KI erstellt daraus ein BPMN-Diagramm samt Prozesssteckbrief mit Zuständigkeiten, Risiken und Rechtsgrundlagen. Werkzeuge dafür finden Beschaffer auf dem Marktplatz der Innovationen des KOINNOvationsplatzes, auf dem auch Procevia gelistet ist.
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Die Sonderwertgrenze für Startups ist nur eine von mehreren Erleichterungen. Wie weit Kommunen unabhängig vom Alter des Anbieters gehen dürfen, steht im Artikel Direktauftrag statt Ausschreibung zur neuen UVgO.
Wer die Verwaltungsprozesse hinter der Vergabe dokumentieren will, findet die Grundlagen in Warum Prozessdokumentation Tage dauert. Unternehmen in Nordrhein-Westfalen können die Prozessaufnahme über die KI-Förderung in NRW bezuschussen lassen.
Quellen
- BMWE-Pressemitteilung vom 10. Juni 2026 zu den Vergabeerleichterungen
- Dossier des BMWE zur Startup- und Scaleup-Strategie
- Bundesregierung zum Kabinettsbeschluss vom 22. Juli 2026
Jordanis Kleinöder Stafidis ist Gründer und Geschäftsführer der Procevia GmbH. Er arbeitet seit über einem Jahrzehnt im Prozess- und Qualitätsmanagement und beschäftigt sich mit der Frage, wie Verwaltung und Mittelstand ihre Abläufe ohne Formalismus-Hürden dokumentieren können.