Reifegradmodell
ProzessAuch: Process Maturity Model , BPM Maturity , PEMM
Modell zur systematischen Bewertung des Entwicklungsstands einer Organisation im Prozessmanagement. Reifegradmodelle definieren mehrere Stufen (typischerweise 0 bis 5), die von ad-hoc durchgeführten Prozessen über standardisierte und messbare Prozesse bis hin zu kontinuierlich optimierten und selbst-lernenden Prozessen reichen.
Reifegradmodelle dienen der Eigenbewertung einer Organisation und als Grundlage für strategische Entwicklungsplanung im Prozessmanagement.
Typische fünf Reifegrade:
- Stufe 0 / Initial: Prozesse existieren, sind aber nicht dokumentiert. Ausführung ist personenabhängig und ad-hoc.
- Stufe 1 / Dokumentiert: Wichtige Prozesse sind dokumentiert, aber Ausführung variiert stark.
- Stufe 2 / Gelebt: Prozesse werden standardisiert ausgeführt, Abweichungen werden erkannt.
- Stufe 3 / Gemessen: Prozessziele und Kennzahlen sind definiert und werden regelmäßig gemessen.
- Stufe 4 / Gesteuert: Prozesse werden aktiv gesteuert, Abweichungen führen zu Korrekturmaßnahmen.
- Stufe 5 / Optimiert: Kontinuierliche Verbesserung auf Basis von Daten und Analyse.
Das PEMM-Modell nach Hammer ergänzt diese Prozess-Dimension um eine Enterprise-Dimension, die Führungskultur, Kompetenzen und Strukturen bewertet.
Wie funktioniert eine Reifegrad-Selbstbewertung?
Gadatsch bietet einen Schnelltest für die Eigenbewertung: acht Fragen, jeweils auf einer Skala von 1 bis 5 mit erlaubten Zwischenwerten, deren Ergebnis als Netzdiagramm dargestellt und mit anderen Organisationen verglichen werden kann (Gadatsch 2025, S. 23). Die Fragen decken Erfahrung, strategisches, fachliches und technisches Prozessmanagement, Prozessorganisation und weitere Dimensionen ab.
Die Stufen sind konkret formuliert. Beim fachlichen Prozessmanagement steht Stufe 1 für nicht oder nur fragmentiert dokumentierte Prozesse, Stufe 3 für analysierte Kernprozesse mit Optimierungskonzepten, Stufe 5 für einen etablierten Regelkreislauf aus Strategie, Modellierung, Neugestaltung, Implementierung, Nutzung und Monitoring (Gadatsch 2025, S. 24).
Was sagt der Reifegrad über die Dokumentation aus?
Ein Blick auf die Stufenbeschreibungen zeigt, welche Rolle Dokumentation spielt. Stufe 4 der Erfahrungsdimension ist erreicht, wenn Prozesse teilweise formal dokumentiert sind, etwa mit Landkarte und einigen Detailprozessen in Swimlane, EPK oder BPMN, die Verantwortung aber noch nicht vollständig definiert ist. Stufe 5 verlangt, dass Prozessverantwortliche für alle Prozesse verankert sind (Gadatsch 2025, S. 24).
Dokumentation ist damit notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung für Reife. Der Sprung auf die höchste Stufe gelingt nicht durch mehr Diagramme, sondern durch Verantwortung und Steuerung.
Wie nutzt man das Ergebnis?
Das Netzdiagramm zeigt die schwächste Dimension, und dort liegt der nächste Schritt. Ist das technische Prozessmanagement bei Stufe 1, während das fachliche bei Stufe 4 steht, fehlt nicht Dokumentation, sondern Ausführung. Ist es umgekehrt, laufen Prozesse in Systemen, die niemand beschrieben hat.
Dumas und Kollegen erinnern daran, dass Reife kein Endzustand ist: Ohne kontinuierliche Anpassung wird jeder gute Prozess irgendwann ein schlechter (Dumas et al. 2018, S. 23). Die jährliche Bewertung ist deshalb kein Zeugnis, sondern die Grundlage für die Planung des nächsten Jahres.
Häufige Fragen zu Reifegradmodell
- Ist Stufe 5 immer das Ziel?
- Nein. Die Zielstufe hängt vom Geschäftsmodell ab. Für Kernprozesse lohnt ein hoher Reifegrad, für Unterstützungsprozesse reicht oft ein dokumentierter, gelebter Standard.
- Wie oft sollte man den Reifegrad bewerten?
- Einmal im Jahr, verbunden mit der Durchsicht der Prozesslandkarte. Häufigere Bewertungen zeigen kaum Bewegung, seltenere verlieren den Anschluss an Veränderungen im Unternehmen.
Quellen
- Gadatsch, A. (2025): Grundkurs Geschäftsprozess-Management, 11. Aufl., Springer Vieweg, S. 23-27
- Hammer, M. (2007): Process and Enterprise Maturity Model (PEMM)
- GPM Österreich: Reifegradmodell für Prozessmanagement
- Gadatsch, A. (2025): Grundkurs Geschäftsprozess-Management, 11. Aufl., Springer Vieweg, S. 23 bis 25
- Dumas, M. / La Rosa, M. / Mendling, J. / Reijers, H. A. (2018): Fundamentals of Business Process Management, 2. Aufl., Springer, S. 23
Autor: Jordanis Kleinöder Stafidis, Gründer und Geschäftsführer der Procevia GmbH · Aktualisiert am
Siehe auch: Business Process Management , Geschäftsprozess