Prozess-Silos: Wenn niemand weiß, wer was wann macht
Jede Abteilung kennt ihren Teil, keiner den ganzen Ablauf. Woran Sie Silos erkennen, was die Forschung dazu sagt und wie Sie das Gesamtbild herstellen.
Das Problem
Ein Kunde ruft an und fragt, wo seine Bestellung bleibt. Die Person am Telefon sieht, dass der Auftrag erfasst wurde. Was danach passiert ist, sieht sie nicht. Sie schreibt eine Mail in die Produktion. Dort antwortet jemand, dass Material fehle, das aber der Einkauf bestellen müsse. Der Einkauf sagt, er habe nie eine Anforderung bekommen.
Der Vorgang lag drei Wochen. Niemand hat einen Fehler gemacht. Jede Abteilung hat genau das getan, was ihre Aufgabe ist.
Das ist kein Einzelfall und kein Personalproblem. Es ist das Muster, das entsteht, wenn jede Abteilung ihren Teil kennt und niemand den End-to-End-Geschäftsprozess als Ganzes.
Die Anzeichen sind in fast jedem Unternehmen dieselben.
- Ein Kunde fragt nach dem Stand und es dauert einen halben Tag, bis jemand antworten kann
- Dieselben Daten werden zweimal erfasst, weil die eine Abteilung dem anderen System nicht traut
- Ein Fehler fällt erst am Ende der Kette auf, obwohl er am Anfang entstanden ist
- Wenn jemand im Urlaub ist, bleibt ein Vorgang liegen, ohne dass es jemand merkt
- Bei Rückfragen sagt jede Seite, dass sie auf die andere wartet
Wer diese Liste liest und dreimal nickt, hat kein Motivationsproblem im Team. Er hat eine fehlende Gesamtsicht.
Was die Forschung dazu sagt
Das Phänomen ist gut untersucht und hat einen festen Namen. Rummler prägte dafür den Begriff des white space, also des weißen Raums zwischen den Kästchen eines Organigramms. Die Kästchen sind besetzt und klar geregelt. Der Raum dazwischen ist leer.
Die Ursache liegt in der Organisationsform
Gadatsch führt den Zustand auf die historische Entwicklung zurück. Er beschreibt eine lange Phase der Förderung von Abteilungsdenken und Egoismen, welche die Zusammenarbeit in Unternehmen bis in die heutige Zeit erschweren (Gadatsch 2025, S. 3). Die funktionale Organisation verteilt Aufgaben nach Fachlichkeit, nicht nach Ablauf. Wer nach Fachlichkeit ordnet, gewinnt Fachkompetenz und verliert den Überblick über die Kette. Wie sich das auf die Ablauforganisation auswirkt, merken Unternehmen meist erst, wenn ein Vorgang liegen bleibt.
Bergsmann beschreibt die Folge drastischer. Er sieht isolierte Einzelkämpfer zwischen den nach wie vor dominierenden funktionalen Silos und Abteilungsreichen (Bergsmann 2012, S. 2). An anderer Stelle benennt er die konkrete Auswirkung, nämlich unklare Zuständigkeiten, vage Schnittstellen zwischen den Bereichen und Ineffizienzen in der Abwicklung von Kundenfällen (Bergsmann 2012, S. 6).
Die Bruchstellen sind immer dieselben
Bergsmann ordnet dem white space vier typische Schnittstellenprobleme zu, die in der Praxis regelmäßig auftreten (Bergsmann 2012, S. 67).
- Zwischen Produktentwicklung und Lieferung, wenn festgelegte Produkteigenschaften später in Wartung oder Service Probleme verursachen
- Zwischen Vertrieb und Produktion, also dem klassischen Dilemma zwischen dem, was verkauft wurde, und dem, was geliefert werden kann
- Zwischen Beschaffung und Produktion oder Montage
- Zwischen Auftragsabwicklung und Buchhaltung, wo nicht oder falsch abgeschlossene Aufträge viel administrative Folgearbeit nach sich ziehen
Keines dieser Probleme entsteht innerhalb einer Abteilung. Alle entstehen an der Naht.
Die Kosten werden dem falschen Verursacher zugerechnet
Gadatsch führt unter den typischen Schwachstellen Doppelarbeiten auf, bei denen Daten mehrfach erfasst werden, weil die Zuständigkeiten nicht abgegrenzt sind, sowie Warte- und Liegezeiten, die entstehen, wenn ein Schritt auf Zuarbeit aus einem anderen Bereich wartet (Gadatsch 2025, S. 49). In der internen Diskussion landen diese Kosten meist bei der Abteilung, in der sie auffallen. Verursacht wurden sie an der Übergabe davor.
Was Prozessmanagement dagegen leistet
Der Nutzen liegt nicht im Diagramm, sondern in der Festlegung. Bergsmann formuliert das Ziel so, dass Prozessmanagement die Geschäftsprozesse verbessert, klare Zuständigkeiten festlegt und die Schnittstellen zwischen verschiedenen Prozessen und Bereichen verbessert (Bergsmann 2012, S. 33). Ohne festgelegte Zuständigkeit bleibt jede Schnittstelle unverbindlich.
Schmelzer und Sesselmann beschreiben die organisatorische Antwort. Geschäftsprozesse werden jeweils von einem Geschäftsprozessverantwortlichen gelenkt, der für Planung, Ausführung, Controlling, Steuerung und Optimierung umfassend verantwortlich ist (Schmelzer/Sesselmann 2020, S. 34). Wegen seiner durchgängigen Gesamtverantwortung für Geschäftsfälle vom Anfang bis zum Ende wird er auch als Case Manager bezeichnet (Schmelzer/Sesselmann 2020, S. 89).
Der weiße Raum verschwindet also nicht dadurch, dass man ihn zeichnet. Er verschwindet dadurch, dass jemand für ihn zuständig wird. Das Diagramm ist die Voraussetzung für dieses Gespräch, nicht sein Ergebnis.
Wie Procevia das löst
Der häufigste Grund, warum Unternehmen das Thema aufschieben, ist der vermutete Aufwand. Die Sorge ist berechtigt, wenn am Anfang die vollständige Dokumentation aller Abläufe steht. Sie ist unbegründet, wenn man mit dem Prozess beginnt, bei dem es gerade weh tut.
Schritt 1. Das Gesamtbild ohne Modellierung
Bevor ein einziger Prozess gezeichnet wird, entsteht die Übersicht. Die Prozesslandkarte stellt nach DIN ISO 9001 die Abfolge und Wechselwirkung der Prozesse eines Betriebs dar (Bergsmann 2012, S. 187, unter Verweis auf Wilhelm 2007). In Procevia legen Sie dafür keine Diagramme an, sondern benennen die Prozesse, die es gibt, und ordnen sie in Führungs-, Kern- und Unterstützungsprozesse.
Für den Start gibt es Vorlagen je Branche, von Produktion über Dienstleistung bis Handel. Sie liefern eine fachlich übliche Gliederung, die Sie anschließend an Ihr Haus anpassen. Das ersetzt den leeren Bildschirm durch eine Diskussionsgrundlage.
Schritt 2. Den ersten Prozess aufnehmen, ohne BPMN zu können
Für den einzelnen Prozess brauchen Sie keine Notationskenntnisse. Sie beschreiben den Ablauf so, wie Sie ihn einer neuen Kollegin erklären würden. Alternativ laden Sie ein vorhandenes Dokument hoch, etwa eine Arbeitsanweisung als PDF oder eine Liste als Tabelle, oder Sie diktieren den Ablauf.
- 1BeschreibenIn Alltagssprache, per Datei oder diktiert
- 2Diagramm entstehtMit Bahnen je beteiligter Rolle
- 3Im Editor schärfenSchritte ergänzen, Übergaben prüfen
- 4In die LandkarteDer Prozess bekommt seinen Platz
Entscheidend für das Silo-Thema ist der zweite Schritt. Das Diagramm entsteht mit Bahnen, also einer Spur je beteiligter Rolle. Jeder Pfeil, der eine Bahn verlässt, ist eine Übergabe. Damit wird der weiße Raum zu einem sichtbaren Objekt, über das man reden kann.
Schritt 3. Die Übergabe festhalten, nicht nur zeichnen
Eine Übergabe ist erst dann geklärt, wenn feststeht, wer sie verantwortet. In der Prozessakte hält Procevia deshalb je Schritt fest, wer ausführt und wer verantwortet, aufgeschlüsselt in einer RACI-Matrix, und im Prozesssteckbrief, wer den Prozess insgesamt verantwortet. Ändert sich das später, läuft die Änderung über die Freigabe und ist im Versionsverlauf nachvollziehbar.
| Ohne Gesamtsicht | Mit Procevia | |
|---|---|---|
| Statusfrage eines Kunden | Rundruf durch drei Abteilungen | Ablauf und Zuständigkeit stehen im Diagramm |
| Übergabe zwischen Bereichen | Mündlich vereinbart, nirgends festgehalten | Sichtbar als Wechsel zwischen zwei Bahnen |
| Neue Kollegin einarbeiten | Erklärung durch mehrere Personen nacheinander | Ein Diagramm plus Prozessakte |
| Änderung am Ablauf | Fällt der Nachbarabteilung irgendwann auf | Freigabe mit Vergleich zur Vorversion |
| Überblick über alle Abläufe | Existiert in keinem Dokument | Prozesslandkarte mit Reifegrad je Prozess |
Warum das Tool das überhaupt kann
Der Grund liegt in der Datenhaltung. Ablauf, Rollen, Verantwortlichkeiten, Freigabestand und die Einordnung in die Landkarte liegen nicht in vier Dateien, sondern an einem Prozess. Wer eine Bahn ändert, ändert damit auch die ausführende Rolle in der Verantwortlichkeitsübersicht. Genau diese Kopplung fehlt, wenn ein Ablauf in einer Präsentation und die Zuständigkeit in einer Tabelle steht. Für Prüfungen zahlt sich das doppelt aus, weil daraus eine auditfähige Prozessdokumentation ohne Zusatzaufwand entsteht.
Den ersten Prozess aufnehmen
Beschreiben Sie einen Ablauf in Alltagssprache und sehen Sie, wie viele Übergaben darin stecken. Der kostenlose Zugang reicht dafür aus.
Häufige Fragen
Quellen
- Bergsmann, S. (2012). End-to-End-Geschäftsprozessmanagement. Springer. (S. 2 zu funktionalen Silos, S. 6 zu unklaren Zuständigkeiten, S. 33 zu den Zielen des Prozessmanagements, S. 67 zu Schnittstellenproblemen und white space nach Rummler/Remias/Rummler 2010, S. 187 zur Prozesslandkarte nach DIN ISO 9001)
- Gadatsch, A. (2025). Grundkurs Geschäftsprozess-Management. Springer Vieweg. (S. 3 zur historischen Förderung von Abteilungsdenken, S. 49 zu Doppelarbeiten und Liegezeiten)
- Schmelzer, H. J./Sesselmann, W. (2020). Geschäftsprozessmanagement in der Praxis. 9. Auflage, Hanser. (S. 34 zum Geschäftsprozessverantwortlichen, S. 89 zum Case Manager)
- BearingPoint/BPM&O (2026). BPM Pulse Survey 2026. Prozessmanagement mit Künstlicher Intelligenz. (S. 5 zur geschäftskritischen Bedeutung)
- Rummler, G. A./Remias, R./Rummler, R. (2010). White Space Revisited. Jossey-Bass.